Neurodivergenz und der systemische Blick
Anders zu sein ist okay. Dieser Satz klingt einfach, berührt aber den Kern eines Themas, das in Therapie, Ausbildung und Beratung immer häufiger auftaucht und dabei erstaunlich oft missverstanden wird.
Neurodivergenz betrifft nach Schätzungen der internationalen Forschung 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Sie begegnet uns in der Praxis, im Seminarraum, in Familien und in Unternehmen. Und sie wird noch immer überwiegend als das gelesen, was einem Menschen fehlt, statt als das, was seine Umgebung ihm abverlangt.
Bevor es um Haltung gehen kann, lohnt sich deshalb eine scheinbar einfache Frage.
Geht es eigentlich um Neurodiversität oder um Neurodivergenz?
Beide Begriffe werden im Alltag häufig fast gleich verwendet. Trotzdem lohnt sich eine Unterscheidung.
Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und Nervensysteme. Menschen nehmen unterschiedlich wahr, lernen unterschiedlich, regulieren sich unterschiedlich und begegnen der Welt auf unterschiedliche Weise.
Neurodivergenz bedeutet: Manche Menschen nehmen anders wahr, verarbeiten Reize anders, lernen anders, kommunizieren anders oder regulieren sich anders als das, was meist als typisch gilt. Dazu zählen häufig ADHS, Autismus, Legasthenie, Dyskalkulie, Dyspraxie oder Tourette. In einem weiteren Verständnis werden manchmal auch erworbene neurologische Veränderungen, psychische Belastungsfolgen, Hochbegabung oder Hochsensibilität mitdiskutiert.
Der Begriff Neurodivergenz ist nicht nur ein Fachbegriff. Er hat auch eine gesellschaftliche Bedeutung. Er kommt aus einer Bewegung, die Stigmatisierung abbauen, Inklusion fördern und Unterschiede nicht nur als Defizite betrachten möchte. Die US-amerikanische autistische Aktivistin Kassiane Asasumasu prägte den Begriff um das Jahr 2000 und verstand ihn von Anfang an inklusiv: Es sollte kein Begriff sein, der Menschen ausschließt, sondern einer, der unterschiedliche Formen des Denkens, Wahrnehmens und Erlebens sichtbar macht. Menschen mit psychischen Erkrankungen waren dabei ausdrücklich mitgemeint.
Damit verschiebt sich der Blick
Weg von der Frage: Was stimmt mit diesem Menschen nicht?
Hin zu Fragen wie: In welchem Umfeld ergibt dieses Verhalten Sinn? Welche Bedingungen braucht dieser Mensch, um sich sicher, wirksam und verbunden zu erleben? Welche Umgebung macht ein bestimmtes Erleben schwerer und welche macht es leichter?
Genau an dieser Stelle wird das Thema für systemisches Denken besonders interessant. Denn systemisch betrachtet schauen wir nicht nur auf einzelne Menschen, sondern auch auf Beziehungen, Kontexte, Erwartungen und Wechselwirkungen. Ein Mensch ist nicht einfach zu empfindlich, zu unruhig, zu langsam, zu direkt oder zu anders. Oft lohnt sich die Frage: In welchem System wird dieses Anderssein zum Problem? Und was müsste sich verändern, damit aus Belastung wieder mehr Möglichkeit wird?
Warum mich dieses Thema nicht nur fachlich beschäftigt
Durch meine eigene ADHS-Diagnose und einen Zustand nach Schädel-Hirn-Trauma kenne ich auch aus eigener Erfahrung, dass Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung und Belastbarkeit manchmal anders funktionieren, als die Umwelt es erwartet. Auch einige unserer Referentinnen und Referenten kennen neurodivergentes Erleben nicht nur aus der Literatur, sondern aus eigener Erfahrung, und verbinden diese Perspektive mit hoher fachlicher und wissenschaftlicher Kompetenz. Manchmal eröffnet gerade die eigene Erfahrung einen besonders genauen, sensiblen und praxisnahen Blick. Was fehlt, ist selten die Fähigkeit. Was fehlt, sind passende Bedingungen.
Mobbing, Trauma und die Frage nach der Ursache
Neurodivergente Menschen erleben nicht selten Ausgrenzung, Beschämung, Überforderung oder den ständigen Druck, sich anzupassen. Viele lernen früh, sich zu verstellen, um nicht aufzufallen. Dieses dauernde Maskieren kann erschöpfend sein und tiefe Spuren hinterlassen.
Gleichzeitig können sich Traumafolgen, Mobbingerfahrungen und neurodivergente Muster äußerlich ähneln. Reizüberflutung, Rückzug, Erschöpfung, Impulsivität, Konzentrationsprobleme, emotionale Überforderung, soziale Unsicherheit oder Shutdown-Reaktionen können unterschiedliche Ursachen haben.